Hamburg->Berlin 2010

Lesezeit: 6 Minuten

oder „Neun Mann gegen den Wind“


Wie in den drei Jahren zuvor wählten wir für die Anreise nach Hamburg wieder die Deutsche Bahn, die unsere Räder und uns mit Ihren komfortablen IC’s sicher und unpünktlich nach Hamburg bringen sollte.

Im Zug, den ich erst in Berlin-Spandau bestieg, saßen schon meine Teamkameraden Ralph, Christoph und Jan. Das Berlin Racing Team von Zeljo, Sven, Oliver, Heiko und Stefan hatte auch schon seine Plätze eingenommen und am hinteren Ende des Zuges saßen noch Tobias und Tino vom Eisenschweinkader.

Die Fahrt war kurzweilig, denn interessante Kettengespräche wurden mit den Teamkameraden geführt.

In Hamburg angekommen verriet der Blick aus den großen Wagonfenstern nichts gutes: Der Regen prasselte nur so einnieder auf die Straßen der Hansestadt. Von Bergedorf hatten wir noch 14 km mit dem Rad zu unserer Unterkunft in Altengamme zu fahren.

Nach der zehnminütigen Fahrt mit dem Regionalexpress vom Hauptbahnhof erreichten wir dann Bergedorf. Ralph erspähte ein wirklich großes Großraumtaxi, direkt auf dem Bahnhofsvorplatz in welches 7 Räder & Radler passten. Sven und Stefan entschieden sich, trotz des Regens, mit dem Rad nach Geesthacht zu fahren, wo das Berlin Racing Team sein Nachtquartier haben würde. Respekt!

In unserer Pension in Altengamme, der Bäckerei Harden, bezogen wir schnell unsere Zimmer, denn Ralph und Jan hatten noch Kohldampf und wollten im benachbarten Restaurant noch ein Bauernfrühstück verdrücken. Weizenbier wurde getrunken und nun kam auch Christoph T. aus der dunklen Nacht angeradelt – unser Team war nur komplett. Unser fünfter Mann, Christoph R. hatte ja leider krankheitsbedingt absagen müssen.

Zeitig ging es ohne Fernsehen für uns in die Heia, denn der Samstag versprach anstrengend zu werden. Der Schlaf von Jan, meinem Zimmergenossen, und mir war alles andere als ruhig: Wir wachten oft auf und ich musste viel husten und meine Nase verstopfte immer mehr. Leider hatte das Gurgeln mit Salzwasser nicht die erhoffte Wirkung gezeigt und ich machte mir wirklich sorgen ob es sinnvoll sein würde, bei meinem angeschlagenen Gesundheitszustand, in wenigen Stunden an den Start zu gehen.

5:30 Uhr – ring ring – aufstehen! Nun musste alles ganz schnell gehen. Die am Vorabend bereits sorgfältig platzierte Radkleidung wurde angezogen und schon saßen wir auf unseren Rädern um zum etwa 500 Meter entfernten Altengammer Fährhaus zu fahren, wo, wie in all den Jahren, wieder der Start sein sollte.

Obwohl wir rund 50 Minuten vor unserem Start dort eintrafen war es schon recht betriebsam und eine lange Schlange hatte sich vor der Akkreditierung gebildet. Dort wurden die Startnummern ausgegeben. Nur ein Mann (!) bediente die Meute. Ohne Frühstück/Kaffee bei 4°C regungslos in der Dunkelheit sich die Beine in den Bauch stehen ist unangenehm. Sehr unangenehm. Jan organisierte dankenswerterweise Kaffee für uns Wartenden. Klasse Teamplay!

Nachdem dann endlich, nach gefühlten Stunden Wartezeit, die Startnummern organisiert waren konnten die Rucksäcke in die Begleitfahrzeuge verstaut werden und zu einem schnellen Frühstück ins Fährhaus gegangen werden.

6:50 Uhr – Start- & Sport-Frei für die Westwind Riders! Es ging wieder wie in den drei Jahren zuvor bei Dunkelheit auf bekannten wegen mit Beleuchtung Richtung Westen. Der Vortrieb wurde aber schon nach wenigen hundert Metern durch Rufe von meinem Teamkameraden gestoppt. Christoph hatte Etwas verloren. Wie ich wenig später erfuhr nicht nur Etwas, sondern sein iPhone 4G, welches wohl in der regendichten Hülle nicht richtig an seinem Lenker befestigt war. Durch diesen sehr frühzeitigen Boxenstop fuhr auch gleich das Berlin Racing Team auf uns auf, welches nur 60 Sekunden nach uns gestartet war. So setzten wir die Reise in die Hauptstadt gemeinsam fort.

Die äußeren Bedingungen waren ungemütlich, nach Tagesanbruch waren in allen Himmelsrichtungen dunkle Wolken, die aussahen, als würden sie sich gleich über uns ergießen, und dann war da noch dieser ständige NordOst-Wind der sich uns förmlich in den Weg stellte und uns mitteilte: Jungs,  so leicht lasse ich euch heute nicht zurück in die Haupstadt.

Zuerst wurde daraufhin Windkante gefahren was auf der einen Seite schlau ist, auf der anderen Seite bei einer Gruppengröße von mehr als 10 Mann nicht wirklich sinnvoll erscheint, denn nur 4 bis 6 Radler haben etwas davon, dann ist die Straße zu Ende. So wurde auf meine Nachfrage hin zu Zweierreihen gewechselt, was die Weiterfahrt erheblich entspannte. Zu diesem Zeitpunkt wurde unsere Gruppe immer größer, da wir bedingt durch unser Tempo immer mehr kleine und große Gruppen einsammelten, welche sich dankbar hinten rein hingen.

Hitzacker wurde dieses Jahr ohne große Hügel erreicht und nun war es auch bis Dömitz, der ersten und einzigen Kontrollstelle unserer Fahrt, nicht mehr weit. Dort waren wir, wie im Vorjahr, die erste Gruppe, die dort eintraf. Es gab belegte Brötchen und Kafffee. Ich aß nur einen OatSnack und einen Löffel von Olis Milchreis, bevor es nach gut 90 km Fahrt und dieser kurzen Rast, auch schon weiter ging.

Hinter Dömitz übernahm ich die Führung und fuhr auf eine rote Tagesbaustellen-Ampel zu, die Aufgrund einer Fahrbahnverengung aufgestellt war. Es gab keinen Gegenverkehr und da mir viele Radler folgten bremste ich auch nicht sondern rollte ohne zu treten weiter. Hinter mir war sich das Feld aber nicht sicher ob es halten sollte oder weiter wollte, einige bremsten ohne das entsprechend anzuzeigen und so schepperte es. Sven lag auf der Straße und zwei andere Radler fuhren noch über ihn rüber. Ich bekam von all dem nichts mit, wunderte mich nur, das niemand mehr folgte.

Als ich zurück fuhr bot sich mir ein unschönes Bild: Svens Knie und Arm bluteten und seine Regenjacke und Hose waren dort zerrissen. Sein Schaltauge war verbogen. Zeljo telefonierte mit dem Veranstalter, aber wirkliche Hilfe gabe es nicht . Sven hatte als Option, die ca. 4 km zur Kontrollstellte zurück zu fahren, dann dort Stunden zu warten bis alle Teams durch sind um dann mit einem Fahrzeug nach Berlin gebracht zu werden. Eine schwere Entscheidung, denn es lagen noch 190 km Gegenwind vor uns. Sven checkte sein Rad, wägte ab, und entschloss sich dann, die Reise weiter zu bestreiten. Großer Respekt! Ohne Murren & Knurren wurde wieder Fahrt aufgenommen und Teams, welche uns überholt hatten, ins Visier genommen. Auch Daphne und Niels waren zu diesem Zeitpunkt bei uns mit im Peleton. Sie würde sicher die schnellste Frau bei dieser Veranstaltung werden.

Der Sektor nach Wittenberge war, wie auch schon zuvor, von starkem NordOst-Wind geprägt. Das bedeutet, das die auf der linken Seite unserer Zweierreihen Fahrenden auch in den hinteren Reihen mit Gegenwind in Form von Seitenwind zu kämpfen hatten. Deshalb war die rechte Seite auch gleich als Mädchenseite tituliert und nur die wahren Helden fuhren links.

Ich war zu diesem Zeitpunkt oft ein Mädchen, denn ich fühlte, wie die Erkältung in mir arbeitete und mir die Kraft oft fehlte. Umso dankbarer war ich, das ich mit so klasse Jungs unterwegs war, die einfach fuhren und nicht viel Aufsehen machten, ob Links oder Rechts gefahren wurde.

Wittenberge wurde passiert und nun war es auch nicht mehr wirklich weit zu unserem geplanten zweiten und letzten Stop in Havelberg. Dort wollten wir nach 180 km Fahrt unsere Flaschen füllen und ein Paar Kohlenhydrate zu uns nehmen. Der Netto mit angeschlossenem Bäcker abseits des Weges, wurde zielsicher angesteuert und alle freuten sich über die Rast und die Verpflegung. Noch war es trocken. Ralph und Christoph telefonierten nach Hause und es hieß in Potsdam würde es regnen. Ich beschloss, die Regenjacke noch aus zu lassen, und so machten wir uns auf die restlichen 103,2 km nach Gatow. Es erwartete uns nun der langweiligste Sektor. In meinem Bericht von Hamburg->Berlin 2009 habe ich diesen Abschnitt als DeathValley von Brandenburg beschrieben. Daran hat sich nichts geändert: Dröge Landschaften, keine Ortschaften welche Abwechslung bieten, aber dieses Jahr war doch alles anders: Starke Gegenwind und aufziehender Regen sorgten für Abwechslung! Die Stimmung sank im Team auf den Tiefstpunkt. Von allen Seiten hörte ich Flüche und nun hatte keiner mehr wirklich Lust, weiter zu fahren. Aber was sollten wir tun!? Es gab keine Alternative zur Weiterfahrt auf dem Renner in Richtung Westen. Gegen Wind und Wetter.

Friesack wurde passiert und nun begann mein Kopfkino ein klein wenig zu funktionieren, denn diese Region ist mir durch zahlreiche Ausfahrten mit den Havellandriders bekannt und ich weiss genau wie weit es noch nach Hause ist. Allerdings wurde nun auch der Regen stärker und das Fahren umso ungemütlicher.

Hinter Falkensee wurde die Stadtgrenze nach Berlin passiert, jetzt waren es weniger als 10 Kilometer nach Gatow zum Ziel und es wurden die letzten Kräfte mobilisiert.

Nach 8:50 Stunden Fahrzeit wurde endlich das Ziel erreicht und wir waren froh, zufrieden und erleichtert dieses Distanz gewuppt zu haben. Wie sich heraus stellte waren wir zu diesem Zeitpunkt die erste Gruppe, welche das Ziel nach den vollverkleideten Liegeradlern erreicht hatte. Mal sehen was später die Gesamtwertung sagt. Ein Minute langsamer als das Berlin Racing Team werden wir, die WestGegendenwind Riders, auf jeden Fall gewesen sein.

Fazit: Eine äußerst durchwachsene Fahrt. Mein angeschlagener Gesundheitszustand hat sicher auch nicht zu einem besseren Gefühl beigetragen, aber die Organisation hätte, gerade am Morgen, besser sein können. Warum kann man die Startnummern nicht per Post zuschicken? Die Veranstalter sollte auf die gestiegenen Teilnehmerzahlen entsprechend reagieren.

Das Wetter war unter aller Kanone und eigentlich fast schlimmer als im letzten Jahr. Bei 5°C, Gegenwind und Regen 280 km auf dem Rennrad zu fahren hat nicht viel mit Spass am Radfahren zu tun. Nun bin ich die Distanz 4x gefahren. Ich überlege stark ob es in 2011 ein fünftes mal für mich geben wird.

Die Zeiten und Streckenlängen der vergangenen Jahre im Vergleich:

Arber Radmarathon 2010

Lesezeit: 4 Minuten

oder „Der Versuch die Zeit vom letzten Jahr zu verbessern“


Am Samstag morgen war es mal wieder soweit: Ein große Zahl ambitionierter Radlerinnen und Radler versammelten sich auf dem Parkplatz von Zweirad Stadler, um die lange Busfahrt nach Regensburg zum  26. Arber Radmarathon 2010 anzutreten.

Die Räder waren dank gutem Werkzeug von Stadler und fachkundiger Hilfe der Mitarbeiter schnell in den extra hierfür bereitgestellten Radkartons verpackt und im Anhänger des Busses und dem Begleitfahrzeug verstaut und es konnte auf die acht-stündige Busfahrt in die schöne Stadt in der Oberpfalz gehen.


Gegen 17 Uhr konnten wir in unserm Hotel Held in Irl einchecken. Dieses schöne Hotel wurde auch schon im letzten Jahr von Zweirad Stadler als Unterkunft gewählt. Die Räder waren schnell entladen, wieder montiert und auf den Zimmern in Sicherheit gebracht, sodass das Abendessen nicht lange auf uns warten musste. Es gab drei verschiedene Hauptgerichte zur Auswahl, als Vorspeise Flädlesuppe und als Nachtisch Panna Cotta und ein Erdinger Alkoholfrei – alles frei auf Rechnung von Stadler – sauber!

Eigentlich wollten wir noch eine Einrollrunde nach dem Essen drehen, da die Straßen aber noch regennass waren, wurde daraus aber ein umfangreicher Verdauungsspaziergang und es ging zeitig gegen 22 Uhr in die Heia …

… denn der Wecker musste um 4:25 Uhr klingeln, wollten wir doch noch Frühstücken, zum 10 km entfernten Start fahren und dort pünktlich um kurz vor 6 Uhr eintreffen.

Obwohl es offizielle erst um 5 Uhr Frühstück geben sollte war um 4:45 Uhr das Buffet schon reichhaltig gedeckt und es gab über Torte, frischem Obst, Brezen, Leberkäse (super – aber nicht um diese Zeit) alles was das Sportler-Herz begehrte. Bei dem reichhaltigen Angebot hätten wir das Frühstück gerne ausgedehnt, aber es war Eile geboten, sollte unser Zeitplan nicht empfindlich gestört werden. So ging es fast pünktlich um 5:25 Uhr nach einem Erinnerungsfoto vom Teamfotogragen Karsten A. los auf den Weg zum Dultplatz.

Nach einer kurzen Begrüßung, Ansprache und Einweisung der Chefin der Veranstaltung ging es um 6 Uhr auf bekannten Wegen raus aus Regensburg in Richtung Walhalla und das knapp 60 km entfernte Janahof, wo die erste Verpflegung uns bereits erwartete. Die Strecke war, wie auch schon im letzten Jahr, perfekt von der Polizei und freiwilligen Feuerwehr gesichert, sodass wir uns ausschließlich aufs Radfahren konzentrieren mussten und nicht auf kreuzenden Querverkehr. Klasse!

Die ersten Kilometer konnten so bei Rückenwind souverän abgespult werden, ich musste aber trotzdem Helge, Christoph, Oliver und Zeljo ziehen lassen, denn auch die relativ flachen Anfangswellen konnten ich nicht so bügeln, wie die Jungs. Und so erreichte ich auch alleine die erste Verpflegungsstelle, an der es wieder diesen leckeren Nüsse-Müsli-Kuchen gab, der mir allerdings die nächsten Kilometer doch ein wenig im Bauch drücken sollte. Jetzt war es an der Zeit, mich auf die längeren Anstiege einzustimmen, da kam Oleg von hinten an: Er hatte gleich am Start einen Defekt an seiner Campa, die ihn einige Zeit kostete und so musste er gleich zu Anfang das Feld von Hinten aufrollen.

Wir beschlossen die nächsten 200 km zusammen zu fahren und Oleg freute sich über meine vielen exakten Ansagen zu Verpflegungspunkten und Gipfelpunkten von den kommenden Anstiegen, welche ich in meinem Garmin gespeichert hatte. Das half nicht nur mir bei der Bewältigung der vielen Höhenmeter und Kilometer. Das Kopfkino braucht nunmal ständig Futter.  Es kam nun auch immer öfter die Sonne hinter den Wolken hervor und die Temperaturen näherten sich der 20°C Marke – genau das richtige Radfahrwetter.

Wir beide bildeten ein gutes Team und kämpften uns so von Anstieg zu Anstieg und Verpflegungspunkt zu Verpflegungspunkt, bei denen die dargebotenen Speisen und Getränke denen des letzten Jahres in fast nichts nachstanden. Am Bischofshof trafen wir auch wieder Uwe und beschlossen, die restlichen 70 km zusammen zu fahren.

Aber es wartete ja noch das große Highlight auf uns: An der letzten Verpflegung sollte es traditionell freies Radler und Blasmusik geben, welchem wir nun schon fieberhaft entgegen sehnten.

Als wir in Saulburg ankamen war die Freude noch größer als dort Christoph, Helge, Oliver und Zeljo auf uns warteten um gemeinsam die letzten 40 km nach Regenburg dem starken Gegenwind mit einer Power-Speed-Welle ordentlich was entgegen zu setzten. So ging es nach dem Verdrücken von PowerBar, Cola und verlängertem Radler auch auf den heißen Ritt, bei dem uns kein unmotorisierter Verkehrsteilnehmer mehr überholen sollte.

In Regensburg angekommen führte die Polizei leider wieder die gleiche Bitte-unbedingt-auf-dem-Radweg-fahren-Show, wie im Vorjahr auf, welche ich als Gruppen-Führungsfahrer aber mit zivilem Ungehorsam und Ignoranz begegnete. So konnte wir sicher und schnell den Dultplatz erreichen. Dort gab es dann nach erfolgreicher Urkunden- und Trikotübergabe noch ein schnelles Weißbier, gestreckt als Russ und ein Leberkäse, denn wir wollten nicht zu spät zurück im Hotel sein, Duschen und Räder-Verpacken stand ja auch noch auf dem Programm.

Nach der 8-stündige Busfahrt mit wenigen Pausen erreichten wir um kurz nach 1 dann wieder unseren Startpunkt in der Königin-Elisabeth-Strasse.

Fazit: Wieder ein tolle Organisation und Veranstaltung in Regensburg. Auch die Radreise war super von Zweirad Stadler organisiert und jeden Cent wert. Die sehr lange Busfahrt ist zwar recht beschwerlich, aber das tolle Event entschädigt für die Strapazen der Anreise.

Meine recht gute Zeit vom letzten Jahr konnte ich leider nicht unterbieten. Die Netto-Fahrzeit war sogar um 13 Minuten länger als im Vorjahr. Am Wetter kann es nicht gelegen haben, an der tollen Truppe auch nicht. Zum 27. Arber Radmarathon weiss ich dann bestimmt, „warum?“…

Fotos von Karsten A. und Oleg S. bereitgestellt – Vielen Dank dafür!

Skoda Velothon Berlin 2010

Lesezeit: 6 Minuten

Die Nacht war kurz, denn der Grand Prix Eurovision mit unserer Lena wollte am Vorabend gesehen werden und so kam ich erst um kurz nach 1 ins Bett und der Wecker klingelte gewohnt um 6:29 Uhr.

Ich war sofort hellwach und wagte einen Blick aus dem Wohnzimmerfenster auf die Straße und den nassen Asphalt. Es regnete in kleinen Tropfen und lud mich nicht gerade ein, heute mein erstes Radrennen, den Skoda Velothon Berlin 2010, zu fahren. Ich wog ab und war hin & her gerissen ob ich wirklich zu dem Event antreten sollte.

Mir war wegen der allgemeinen Sturzgefahr bei dieser Veranstaltung sowieso schon ganz mulmig und dann das ganze noch bei Regen? Das konnte nur heiter werden…

Aber ich konnte meine amigos90 ja nicht hängen lassen und so machte ich mich nach einem Power-Frühstück mit einer großen Portion Müsli mit Eiweisspulver und Ovomaltine, mit den Öfis auf den Weg zum Brandenburger-Tor.

Dort traf ich in der Charlottenstraße auf Karin, welche ich freudig begrüßte. Es gab also noch andere Verrückte die bei solch einer Wetterprognose den Velothon fahren wollten. Ich wahr beruhigt und fühlte mich bestätigt die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Zielstrebig erreichte ich gegen 8:40 Uhr den Startblock B, welcher noch nicht wirklich gefüllt war und so konnte ich leicht Zeljo, Mina, Jasper und Oleg entdecken. Sven und Oliver kamen auch hinzu und so war unsere Gang komplett. Wenige Minuten vor dem Start ging dann mein Puls von 80 auf 109 und ich merkte wie die Nervosität in mir stärker wurde. Viele Fragen schossen durch meinen Kopf: Würde ich mit allen mithalten können, auch an den leichten Anstiegen? Würde es gleich richtig zur Sache gehen? Würde das Material halten? Würden die anderen Fahrer so vorausschauend fahren, das es zu keinen Stürzen kommen wird, die mich dann ggf. mitreißen würden? Bei den vielen Gedanken war keine Zeit an das Wetter und die richtige Kleidungswahl zu denken. Das musste einfach passen und passte.

Und plötzlich war es halb zehn und der Startschuss tönte. Aber leider nicht für uns. Die Veranstalter wollten Block A und B gleichzeitig starten lassen, was sie aber nicht taten. So mussten wir uns gefühlte Stunden hinter dem Absperrband gedulden bis uns endlich die neutralisierenden Inlineskater durch das Brandenburger-Tor führten.

Dann gleich eine scharfe Linkskurve und es ging im Affenzahn zum Potsdamer-Platz. Sofort war Unterlenkergriff und großes Blatt angesagt. Es wurde flott, sehr flott gefahren und es bereitete mir keine großen Schwierigkeiten mich einzufinden. Zoo und Ernst-Reuther-Platz wurden passiert. Die Straßen waren perfekt abgesperrt und über unseren Köpfen waren immer wieder Hubschrauber zu hören. Eine tolle Rennatmosphäre war das, die uns die Hauptstadt da bot.

Nun begann ich mir Gedanken über den leichten Anstieg, die Spandauer-Damm-Brücke hoch zu machen. Da fuhr ich oft lang, und kannte den ganz leichten Anstieg schon. Ich war überrascht wie einfach sich solch eine Welle in einer großen Gruppe bügeln lässt. Ich musste aufpassen keinem hinten rein zu fahren, weil ich so viel Schub hatte. Meine Sorgen waren also unbegründet.

Weiter über die Charlottenburger Chaussee. Ein kurzer Blick auf den Garmin verriet einen glatten 44er Schnitt. Voll im Soll. Sauber.

Nun ging es über Kopfsteinpflaster auf die Havelchaussee und ich war erfreut wie diszipliniert diese erste Gefahrenstelle von allen Teilnehmern gefahren wurde: Es kam zu keinen Berührungen oder gar Stürzen. Ich war gut in Fahrt und konnte viele Fahrer auf den beiden Anstiegen überholen. Leider war ich wohl nicht gut genug um an der Gruppe dran zu bleiben welche schon zur A-Gruppe aufgeschlossen hatte und diese bereits nach wenigen Kilometern kassiert hatte. Wir sahen die erste Gruppe nun etwa 400 Meter vor uns, aber keiner in meiner Gruppe, die zum größten Teil, zu erkennen an den Rückennummern, aus geplatzten A-Grupplern bestand, hatte ernste Ambitionen wieder an die andere Gruppe vor uns heran zu fahren. So landete ich recht schnell ganz vorne in diesem Feld und war auf einmal alleine im Wind. Für einen echten Ausreißversuch war ich nicht stark genug, bzw. hatte meine Amigos nicht um mich und von den anderen 30-40 Radlern hatte wirklich so gut wie keiner Lust vorne zu fahren. Die Konsequenz war, das die Reisegeschwindigkeit teilweise unter 35 km/h viel und Sabine vom ESK und ein anderes Mädchen vorne im Wind fuhren. Das geht ja nun mal gar nicht! Die Situation war mir sehr unangenehm und ich ging immer wieder in die Führung, was aber auch nicht wirklich ein dankbarer Job war. Auf der anderen Seite folgten nun viele Kreisverkehre aka Gefahrenstellen und ich war froh nicht in einem Pulk festhängend diese fahren zu müssen.

Das wäre mir am Kreisverkehr in Gütersfelde fast zum Verhängnis geworde, wo ich meine einzige echt brenzlige Situation hatte: Ich fuhr recht weit rechts um dem Getümmel an diesem Kreisverkehr zu entgehen, hatte aber trotzdem noch Radler vor mir, die urplötzlich nach links auswichen. Mir war nicht klar warum und da war es auch schon passiert: Direkt vor mir stand eine etwa 70 cm hoher rot-weiße Kunsstoffpillone, welche ich genau in der Mitte mit meinem Vorderrad anstieß so das diese einen ca. 50 cm weiten Satz machte und ich dann hochkonzentriert einen kleinen Hacken um das Teil zirkeln konnte.

Das alles ohne Abzusteigen oder mich hin zu legen. Ich war erleichtert das nichts passiert war und beschleunigte wieder auf nun erhöhte Reisegeschwindigkeit, denn glücklicherweise hatte uns von hinten kommende eine starke Gruppe kassiert, die vorne nun wieder mächtig am Rad drehte.

Wir erreichten die B101, welche extra für uns gesperrt war. Das war genial mal mit Karacho auf einer Autoschnellstraße mit dem Rennrad unterwegs zu sein. Es hätte aber gerade dort schneller gefahren werden können.

Am Straßenrand stehend neben einem Krankenwagen sah ich Heiko K.. Ich hoffe es ist nichts ernstes passiert!

Der super Aphalt wurde abgelöst durch den rauen Tempelhofer Damm. Aber nun waren wieder Zuschauer an der Strecke die uns Beifall spendeten. Eine tolle Atmosphäre zum Rennrad fahren. Aber keine Zeit zum entspannen. Es musste ständig mit 100% Wachsamkeit gefahren werden, denn vor uns lag schon die nächste Gefahrenstelle: Die scharfe Rechtskurve auf das Flugfeld des Flughafen Tempelhofs. Dort warteten einige Kurven auf uns, bevor es auf die eigentliche Landebahn ging. Nun stand ordentlich Gegenwind auf dem Programm und das Tempo wurde wieder langsamer. Richtig Spass hatte ich dort nicht, denn die Abfahrt war auch wieder eine Gefahrenstelle, weil die Fahrbahn sich verengte.

Weiter über Columbiadamm, Herrmannplatz und Kottbusser Tor zum Schlesischen Tor und über die Warschauer Brücke. Hinter mir hörte ich jemand über die schlechte Streckenführung schimpfen und die Stimme klang vertraut: Es war Sven F. Ich war erstaunt, denn ich vermutete die Amigos weit vor mir.

Das Gröbste war nun geschafft. Meine Beine fühlten sich top an und ich wollte noch ein paar Plätze gut machen, was mir auch gelang.

Beim Abzweig von der Torstraße auf die Friedrichstraße wurde es nochmal eng und vor mir legten sich ein paar Radler lang. Allerdings bei sehr reduziertem Tempo, sodass nicht wirklich große Verletzungen aufgetreten sein können.

Nun ging es entlang des Hauptbahnhofs vorbei an Schloss Bellevue zurück auf die Straße des 17. Juni. Ich dachte das Feld würde nun noch einmal richtig Feuer geben, dem war aber leider nicht so. Überholen konnte ich auch nicht mehr, denn dafür war die Straße einfach zu eng. So erreichte ich das Ziel an dem viele Zuschauer standen und frenetisch Beifall spendeten.

Neben mir war Zeljo, mit dem ich mich freudig abklatschte. Es war geschafft, mein erstes Rennen war ohne Komplikationen absolviert.

Nun gaben wir an den Ständen unsere Transponder zurück und warteten an der Kleiderausgabe auf die anderen Fahrer aus unserem Team die sich alle dort einfanden. Wir mussten recht lange auf Mina und Oleg warten und begannen uns Sorgen zu machen.

Beide kamen recht spät ins Ziel. Mina war gestürzt, hatte sich ihren Brems-Schalt-Hebel dabei abgebrochen konnte nicht mehr ordentlich schalten und zu allem übel platzte ihr dann auch noch ein Reifen auf dem Flugfeld in Tempelhof. Oleg war ein so super Teamleader, das er sie sicher ins Ziel brachte. Ganz großes Kino! Zum Glück hatte sich Mina nicht ernsthaft verletzt und der Schaden am Bike schien größer als an ihr.

Ich traf noch Thomas J. und Karsten A. von den Havellandridern und Karin kam auch sehr erfreut über ihre Leistung ins Ziel.

Von Westen zogen dunkle Wolken auf, die uns in kürze erreichen sollten und so verabschiedeten wir uns vom Velothon 2010 ohne wirklich nass geworden zu sein. Petrus meinte es heute wirklich gut mit uns und ich war froh mich ProRace entschieden zu haben.

Nächstes Jahr wieder!